Wer heute über die Parkstraße in Gültz auf das mächtige Herrenhaus zukommt, ahnt kaum, welche Geschichten diese Mauern erzählen könnten. Schloss Gültz – erbaut 1868 bis 1872, 99 Zimmer auf 2.278 Quadratmetern, eingebettet in einen Landschaftspark nach Entwurf von Peter Joseph Lenné – ist eines der bedeutendsten Herrenhäuser in Mecklenburg-Vorpommern. Seine Geschichte reicht weit über 500 Jahre zurück.
Die Familie von Maltzahn – pommersche Adelsdynastie seit 1194
Die Geschichte von Schloss Gültz ist untrennbar mit der Familie von Maltzahn verbunden – einem der ältesten Adelsgeschlechter Pommerns, erstmals urkundlich erwähnt im Jahr 1194. Seit 1496 war das Gut Gültz ritterschaftlicher Besitz der von Maltzahn. Lediglich von 1569 bis 1646 unterbrach die Familie von Preen diese fast 450-jährige Ära.
Das Gut Gültz liegt zwischen Altentreptow und Demmin und gehört heute zu Mecklenburg-Vorpommern – historisch betrachtet ist die Region jedoch Teil Vorpommerns: nach dem Westfälischen Frieden 1648 zunächst schwedisch, fiel das Gebiet südlich der Peene 1720 an Preußen und gehörte ab 1815 zur preußischen Provinz Pommern (Kreis Demmin).
Helmuth von Maltzahn – Bauherr und Reichsschatzstaatssekretär
Helmuth Freiherr von Maltzahn-Gültz (1840–1923) ließ das heutige Herrenhaus in den Jahren 1868 bis 1872 nach Plänen des Schweriner Bauraths Georg Daniel errichten. Das Gebäude vereint norditalienische Villenarchitektur mit preußischem Historismus – ein Stilmix, der damals in Norddeutschland selten war.
Helmuth von Maltzahn war weit mehr als ein Gutsherr: Er diente als Staatssekretär des Reichsschatzamtes, war ein Vertrauter Otto von Bismarcks und wurde Oberpräsident der Provinz Pommern. Sein Wirken ist in den Pommerschen Lebensbildern, Band II (Stettin 1936, S. 266–280), ausführlich dokumentiert.
Das Herrenhaus – Architektur im Detail
Georg Daniel entwarf ein spätklassizistisches Herrenhaus mit 99 Zimmern, verteilt auf fünf Etagen. Der markante Nordwest-Turm erinnert an einen italienischen Campanile. In der Eingangshalle tragen zwei Säulen eine kunstvolle Kassettendecke. Eine Wendeltreppe führt ins Obergeschoss.
Das Herzstück des Hauses ist der Spiegelsaal: 156 Quadratmeter mit 6,80 Meter Deckenhöhe, himmelblauem Stuck, vergoldeten Spiegeln und Kronleuchtern – ein Festsaal, der seit über 150 Jahren Schauplatz von Festen ist.
Das Fundament wurde aus Feldsteinen errichtet. Für die Seitenwände und Fensterbänke des Kellergeschosses ließ man 1868 drei Findlinge brechen. Der größte stammte aus einer Sandgrube westlich von Gültz und maß gewaltige 12 × 14 × 16 Fuß – ein Volumen von rund 43 Kubikmetern.
Axel von Maltzahn – Landrat, Ministerialbeamter, Wagner-Liebhaber
Auf Helmuth folgte sein Sohn Axel von Maltzahn (1868–1931) als Gutsherr. Axel diente als Landrat in Grimmen und später als Ministerialbeamter – während des Ersten Weltkriegs war er in der Kriegsernährungswirtschaft tätig. Privat war er begeisterter Wagner-Liebhaber und Mathematiker; sein kunstvolles Exlibris zeugt noch heute von seiner Liebe zu Kunst und Wissenschaft.
Helmuth der Jüngere – Haltung gegenüber den Nationalsozialisten
Axels ältester Sohn Helmuth von Maltzahn (1900–1984) bewirtschaftete ab 1925 Hermannshöh, nach dem Tod des Vaters 1931 den gesamten Besitz und zog 1940 mit seiner Familie nach Gültz. Als Student in München erlebte er 1923 den Hitler-Putsch aus nächster Nähe – für ihn der Anfang einer lebenslangen Ablehnung des Nationalsozialismus. Einer Partei trat er nie bei:
Als ein Trupp von Parteigängern in Hermannshöh gegen seinen Willen die Hakenkreuzflagge hissten, ließ er den Fahnenmast einzäunen und übereignete die eingezäunte Fläche mit einer Tafel „dem Reich“. Um ihn zur Abgabe von Siedlungsland zu zwingen, kaufte das Reich eine Forderung von 200.000 Reichsmark gegen die Güter auf – er beglich sie durch einen großen Holzeinschlag. Weil die Behörden den Gütern kaum noch Rohöl für die Traktoren zuteilten, stellte er den Betrieb auf 32 Zugochsen um. Nach dem 20. Juli 1944 wurde er verhaftet und saß bis zum 17. September 1944 in Gestapo-Haft in Greifswald.
Seine Mutter lehnte das „Mutterkreuz“ der Nationalsozialisten mit den Worten ab: „Ich lasse mich nicht prämieren wie eine Zuchtsau.“
Bei Kriegsende brach die auf 700 Jahre geschätzte Linde neben der Gültzer Kirche in einem Sturm um – wie ein böses Omen. Helmuth von Maltzahn geriet im Februar 1945 in sowjetische Gefangenschaft, aus der er 1948 zurückkehrte; er lebte später in Holstein und starb 1984. Nach der Wiedervereinigung wurden er und seine Frau auf dem Erbbegräbnisplatz in Gültz beigesetzt.
Enteignung, Plünderung und die DDR-Berufsschule
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Maltzahns im Zuge der Bodenreform enteignet. Das Schloss wurde geplündert und fortan als Betriebsberufsschule „Georg Ewald“ genutzt, die dem Rat des Kreises Altentreptow unterstand.
Von 1980 bis 1988 erfolgte eine umfangreiche Sanierung unter Beteiligung des Büros für Stadt- und Dorfplanung Neubrandenburg und des Kreisdenkmalschutzes. Einzigartige Originalakten aus dieser Sanierungsphase – Protokolle, Behördenkorrespondenz, Farbkonzepte und historische Fotografien – befinden sich im Besitz von Schloss Gültz und wurden 2025 erstmals öffentlich gezeigt. Mehr dazu im Beitrag über die DDR-Bauakten.
Nach der Wende – Hotel, Leerstand, Neuanfang
1999 folgte eine weitere Sanierung; kurzzeitig gab es einen Hotelbetrieb, der jedoch nach wenigen Jahren schloss. Das Herrenhaus stand danach weitgehend leer.
2019 erwarb die Projektentwicklungsgesellschaft Schloss Gültz UG das Anwesen in einer Zwangsversteigerung. Seither wird das eingetragene Kulturdenkmal Schritt für Schritt als Veranstaltungsort und lebendiges Denkmal entwickelt – eine Generationenaufgabe, die mit viel Herzblut und der Unterstützung von Wandergesellen, Denkmalschützern und Enthusiasten vorangetrieben wird.
Schloss Gültz heute – Denkmal mit Zukunft
Heute wird der Spiegelsaal wieder für Konzerte, Hochzeiten und Kulturveranstaltungen genutzt. Im historischen Lenné-Park gibt es in der Saison von Mai bis Oktober ein Glamping-Angebot. Das Schloss ist Fördermitglied im Verein Schlösser, Guts- und Herrenhäuser Mecklenburg-Vorpommern e.V. (Baltic Manors) und öffnet regelmäßig zur MittsommerRemise seine Türen. Ein Förderverein ist in Gründung – wer mitmachen möchte, ist willkommen.
Die Geschichte von Schloss Gültz ist noch nicht zu Ende geschrieben – sie wird jeden Tag weitergeschrieben.
Besuchen Sie Schloss Gültz: Parkstraße 12, 17089 Gültz, Mecklenburg-Vorpommern. Kontakt und Anfahrt.