Schloss Gültz
Wappen von Maltzahn-Gültz
Schloss Gültz
Historisches Herrenhaus · Anno MDCCCLXXII
Sprache · Language · Język
4. Oktober 20264 Min. Lesezeit

Zwei Glocken für Utzedel – ein Briefwechsel von 1878

Im Sommer 1878 ging es zwischen Gültz, Demmin und Utzedel um zwei Kirchenglocken. Ein kleiner Briefwechsel ist in Kopie erhalten. Er zeigt den Bauherrn von Schloss Gültz, Helmuth Freiherr von Maltzahn, von einer Seite, die in den großen Lebensläufen kaum vorkommt: rechnend, genau und mit klaren Vorstellungen davon, wie eine Glocke beschriftet sein soll.

Die gesprungene Glocke

In der Kirche von Utzedel bei Demmin war die größere der beiden alten Glocken gesprungen. Der zuständige Pastor hatte am 6. Juni 1878 nach Gültz geschrieben, sie wiege 290 Kilogramm. Helmuth von Maltzahn führte zu dieser Zeit, wie er selbst schreibt, eine „vormundschaftliche Verwaltung“ – offenbar über einen Besitz, zu dem die Pflichten des Kirchenpatrons in Utzedel gehörten. Er holte ein Angebot ein: Am 14. Juni 1878 antwortete aus Demmin Fr. Schünemann, er sei geneigt, „die beiden Utzedeler Kirchenglocken zu kaufen“, und zahle bei baldiger Ablieferung „pro Kilogr. Ein Mark dreißig Pfennig“.

Handschriftlicher Brief in deutscher Kurrentschrift, datiert Demmin den 14. Juni 1878, unterschrieben Fr. Schünemann
Angebot von Fr. Schünemann, Demmin, 14. Juni 1878, für den Ankauf der beiden alten Utzedeler Glocken: 1,30 Mark je Kilogramm. Kopie im Archiv Schloss Gültz.

Die Rechnung des Bauherrn

Daraufhin rechnete Maltzahn dem Pastor vor: 290 Kilogramm zu 1,30 Mark ergeben 377 Mark. Eine entsprechende neue Glocke aus Gussstahl solle rund 450 Mark kosten, es blieben also etwa 73 Mark ungedeckt; bei der kleineren Glocke, deren Gewicht er nicht kannte, höchstens noch einmal so viel. Sein Vorschlag:

„… unter Veräußerung der beiden alten Glocken ein gutes Gußstahlgeläute für die Utzedeler Kirche zu beschaffen“ – und er selbst wolle „bis zur Höhe von höchstens 200 – zweihundert – Mark“ den ungedeckten Teil der Anschaffungs- und Aufhängungskosten „aus meinen eigenen Mitteln“ beitragen. „Es würde mich freuen, in dieser Weise ein kleines Andenken der Zeit meiner vormundschaftlichen Verwaltung zu hinterlassen.“

Gussstahlglocken waren damals neu und deutlich billiger als Bronze. Hergestellt wurden sie vor allem vom Bochumer Verein – im Brief ist von einer Anfrage „nach Bochum“ die Rede. Eine Bedingung stellte Maltzahn: Jede Glocke solle einen Bibelspruch, die Jahreszahl und das Maltzahnsche Wappen tragen, „so natürlich, daß der Bibelspruch die Hauptstelle, Wappen und Jahreszahl einen untergeordneten Platz erhalten“. Für das Wappen bot er eine eigene Zeichnung an, „damit es heraldisch richtig wird“.

Die Inschriften

Am 23. Oktober 1878 schickte er die Wappenzeichnung – auf Briefpapier mit dem Kopf „Gültz, an der Nordbahn, Post- & Bahn-Station“; die Bahn Neubrandenburg–Demmin war erst im Dezember zuvor eröffnet worden. Weil die Fabrik in Bochum kurze Inschriften wünschte, schlug er vor:

  • für die eine Glocke: „Gedenke des Sabbathtages, daß du ihn heiligest. 2. Mos. 20,8“
  • für die andere: „Christus spricht: Siehe ich komme bald. Offenb. 22,12“

Die Inschrift solle „den Hauptplatz in der Mitte der Glocke“ einnehmen, darunter, dem Rand näher, Wappen und Jahreszahl 1878; wichtig sei ihm, „daß die Anordnung bei beiden Glocken gleichartig ist“ und die Bibelstelle mit angegeben werde. Eine kleine Skizze im Brief zeigt, wie er sich das vorstellte.

Brief mit gedrucktem Kopf Gültz, an der Nordbahn, den 23/10 1878, mit den vorgeschlagenen Glockeninschriften
Brief Helmuth von Maltzahns vom 23. Oktober 1878 mit den Inschriften für die beiden neuen Glocken. Kopie im Archiv Schloss Gültz.
Bleistiftskizze einer Glocke mit der Inschrift Christus spricht, Ich komme bald, Offenb. 22,12, Wappen und Jahreszahl 1878; daneben die Unterschrift H. v. Maltzahn-Gültz
Die Skizze der Glocke – Inschrift in der Mitte, darunter Wappen und „18 78“ – und die Unterschrift „H. v. Maltzahn-Gültz“. Kopie im Archiv Schloss Gültz.

Glocken als Familientradition

Die Glocken ziehen sich durch die Geschichte der Familie. Axel von Maltzahn, der Sohn des Bauherrn, stiftete nach dem Ersten Weltkrieg, in dem die Kirche ihr altes Geläut hatte abgeben müssen, als Kirchenpatron neue Glocken für Gültz; eine davon trug den Spruch „Land, Land, Land, höre des Herrn Wort“ (mehr dazu im Beitrag über Axel). 1943 wurden zwei Bronzeglocken aus dem Gültzer Turm geholt und eingeschmolzen – vermutlich eben diese. Und rund sechzig Jahre später stiftete sein Enkel, der 1932 in Gültz geborene Axel von Maltzahn, der Gemeinde wieder eine Bronzeglocke (siehe Geschichte).

Was offen ist

  • Für wen Helmuth von Maltzahn 1878 die Vormundschaft führte, nennen die Briefe nicht ausdrücklich; erwähnt werden eine „Frau von Maltzahn“ und „Albrecht“, deren Zustimmung zum Tausch der Glocken eingeholt werden sollte.
  • Ob die Glocken tatsächlich in Bochum gegossen wurden und ob sie heute noch im Turm von Utzedel hängen, wissen wir nicht. Stahlglocken mussten in den Weltkriegen meist nicht abgeliefert werden – sie könnten also erhalten sein. Hinweise nehmen wir gern entgegen: schlossgueltz@gmx.de

Quellen: Briefe H. v. Maltzahn-Gültz an den zuständigen Pastor, Sommer 1878 (undatiert) und 23. Oktober 1878; Brief Fr. Schünemann, Demmin, 14. Juni 1878 – Kopien im Archiv Schloss Gültz, Transkription Schloss Gültz (Lesung einzelner Wörter der Kurrentschrift unsicher). Hintergrund Gussstahlglocken: Bochumer Verein für Bergbau und Gußstahlfabrikation, seit 1851 Hersteller von Gussstahlglocken.

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