Schloss Gültz
Wappen von Maltzahn-Gültz
Schloss Gültz
Historisches Herrenhaus · Anno MDCCCLXXII
Sprache · Language · Język
3. Oktober 202613 Min. Lesezeit

Bahnhof, Kleinbahn und große Herden – die Maltzahns und das Land um Gültz

Wer heute mit dem Regionalexpress zwischen Neubrandenburg und Demmin fährt, rollt an Gültz vorbei – ohne Halt. Vor hundertfünfzig Jahren war das anders. Dass das Dorf einen eigenen Bahnhof bekam, verdankte es dem Bauherrn des Schlosses. Und auch sonst standen die Freiherren von Maltzahn-Gültz über drei Generationen an Stellen, an denen über Bahnen, Häfen und Landwirtschaft in Vorpommern entschieden wurde. Wir haben zusammengetragen, was sich belegen lässt – und sagen ebenso deutlich, was nicht.

Ansichtskarte Gruss aus Gültz i. Pommern, 1902, mit Bahnhof, Pfarrhaus mit Kirche und Schloss
„Gruss aus Gültz i. Pommern“, 1902: Der Bahnhof steht ganz selbstverständlich neben Kirche und Schloss auf der Karte. Verlag A. Steffen, Japenzin – Sammlung Michael Schneider.

1877: Wie Gültz zu seinem Bahnhof kam

Die Bahn von Berlin über Neustrelitz und Neubrandenburg nach Stralsund – die Berliner Nordbahn – war ein Kind Stralsunder Kaufleute. Schon 1844 hatten sie sich zusammengetan und für die Strecke geworben; das preußische Ministerium lehnte jahrzehntelang ab. Erst 1870 erteilten Preußen und Mecklenburg-Strelitz einer neu gegründeten Berliner Nord-Eisenbahn-Gesellschaft die Konzession. Die Trasse führte nicht über das Landstädtchen Loitz, obwohl der Baugrund dort günstiger gewesen wäre, sondern über die Garnisonstadt Demmin – und damit über Treptow an der Tollense, an Gültz vorbei.

Helmuth von Maltzahn (1840–1923), seit 1871 Reichstagsabgeordneter für Anklam-Demmin, zeichnete Aktien der Gesellschaft – unter einer Bedingung: Gültz sollte einen vollen Bahnhof erhalten. So hat er es 1916 in seinen nie gedruckten Erinnerungen festgehalten. Die Gesellschaft geriet in den Strudel der Gründerzeit. Anfang 1873 prangerte der liberale Abgeordnete Eduard Lasker im preußischen Abgeordnetenhaus die Nordbahn als Musterbeispiel fragwürdiger Konzessionsvergaben an; ihre Hauptförderer saßen im Herrenhaus, Fürst Putbus gab dort öffentlich Erklärungen über sein Verhältnis zur Nordbahn ab. 1874/75 löste sich die Gesellschaft auf, der preußische Staat übernahm die halbfertige Strecke und baute sie zu Ende. Maltzahns Geld war größtenteils verloren. Der Bahnhof aber kam – und mit ihm die lange erstrebte Chaussee. Sein Fazit:

„… die beste Kapitalanlage, die ich je gemacht habe.“

Am 1. Dezember 1877 wurde der Abschnitt Neubrandenburg–Demmin eröffnet, am 1. Januar 1878 die Strecke bis Stralsund. Der Bahnhof Gültz lag gut anderthalb Kilometer nordöstlich des Dorfes, bei Kilometer 157,4 der Nordbahn. Wie bequem die Verbindung war, erzählt die Familienchronik: Seit Maltzahn 1888 Staatssekretär im Reichsschatzamt geworden war, genügte ein Anruf in Berlin, und der D-Zug hielt eigens in Gültz (mehr dazu in den Stationen der Familie).

Ein Familienamt im entscheidenden Moment

Landrat des Kreises Demmin war seit 1867/68 Wilhelm von Heyden (1839–1920) aus Cadow – Maltzahns fast gleichaltriger Stiefbruder: Helmuths Mutter hatte 1849 in zweiter Ehe Heydens Vater geheiratet, den Demminer Landrat Hermann von Heyden. Im November 1877 wechselte Heyden als Landesdirektor an die Spitze der pommerschen Provinzialverwaltung in Stettin. Für die Übergangszeit verzeichnet die Landratsliste des Kreises einen „Kreisdeputierten Freiherrn von Maltzahn aus Gültz“, der das Landratsamt kommissarisch führte, bis am 14. November 1877 der neue Landrat Wilhelm von Müffling übernahm. Nach Lage der Dinge war das der Schlossherr selbst. Für wenige Tage lag die Kreisverwaltung damit in seiner Hand – gut zwei Wochen, bevor der erste Zug durch Gültz fuhr. Mehr als ein schönes Zusammentreffen ist das nicht: Über den Bau der Staatsbahn entschied 1877 niemand mehr im Kreishaus.

1897 und 1913: Die Kleinbahn kommt auf die Güter

Nach dem preußischen Kleinbahngesetz von 1892 wollten auch die Dörfer und Güter abseits der Hauptstrecke an die Schiene. Am 14. März 1895 wurde die Demminer Kleinbahnen AG gegründet; Bau und Betrieb übernahm die Stettiner Firma Lenz & Co. Am Gründungskapital von 1.532.000 Mark hielt der Kreis Demmin 39,2 Prozent, der Provinzialverband Pommern 27 Prozent, Lenz & Co. den Rest. Die Spur war schmal – 750 Millimeter –, auch weil die Provinz nur dafür einen Baukostenzuschuss gab.

Die Strecke wurde ausdrücklich dort gebaut, wo die großen Güter lagen. Am 23. Januar 1897 fuhr der erste Zug von Demmin über Schmarsow nach Jarmen, ab 5. Juni 1897 auch Personenzüge über den zweiten Ast bis Treptow an der Tollense. An diesem Ast lagen zwei Maltzahn’sche Güter mit eigener Station: Wodarg, das Helmuth von Maltzahn 1881 erworben hatte und das später sein jüngster Sohn Gerhard bewirtschaftete, und Werder, wo der Kleinbahnhof laut Güter-Adressbuch nur hundert Meter vom Gutshof entfernt lag. Kurz vor Treptow überquerte die Bahn die Tollense auf einem 220 Meter langen Stahlviadukt – dem längsten Brückenbauwerk aller pommerschen Kleinbahnen.

1913 folgte die Demminer Westbahn, angestoßen vor allem von der Zuckerfabrik Stavenhagen, die mehr Rüben aus einem größeren Umkreis heranholen wollte. Ihr Ast von Metschow nach Altentreptow hielt in Schossow – auch dort wieder rund hundert Meter vom Gut, das ab 1919 Helmuth von Maltzahn der Jüngere bewirtschaftete. Gültz selbst brauchte keine Kleinbahn: Es hatte seit 1877 den Bahnhof an der Hauptstrecke.

Ob der Bauherr bei der Gründung 1895 selbst die Hand im Spiel hatte, wissen wir nicht. Er lebte nach seinem Rücktritt als Staatssekretär von 1893 bis 1899 wieder in Gültz und kannte den Demminer Kreistag seit den 1870er-Jahren; ein Beleg für eine Rolle bei der Kleinbahn hat sich aber noch nicht gefunden. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ die sowjetische Besatzungsmacht das gesamte Schmalspurnetz im Mai 1945 abbauen und als Reparation abtransportieren. Geblieben sind Bahndämme, einzelne Brücken und die Bahnhofsgebäude in Demmin und Schmarsow.

1900–1911: Vater und Sohn im Amt

Als Oberpräsident der Provinz Pommern (1900–1911) war Helmuth von Maltzahn der höchste Staatsbeamte der Provinz. Sein Biograf zählt den landesweiten Eisenbahnbau ausdrücklich zu den Feldern, denen „Wissen und Tatkraft dieses Mannes“ zugutekamen – neben Handel, Reedereien und Küstenschutz. In seine Amtszeit fällt die Gründung der Kleinbahn-Abteilung des Provinzialverbands am 1. April 1910, die von da an den Betrieb fast aller pommerschen Kleinbahnen führte, auch der Demminer. Persönlich setzte er sich für eine Strecke an der Küste ein: Nach dem Lebensbild, das sein Sohn 1936 schrieb, gelang es ihm „nach jahrelangem Bemühen“, eine Bahnverbindung nach dem Zingst und dem Darß durchzusetzen, um die Bevölkerung dort vor wirtschaftlichem Ruin und Abwanderung zu bewahren. Die Darßbahn von Barth über Zingst nach Prerow wurde am 1. Dezember 1910 eröffnet – wenige Monate vor seinem Abschied. Bauherr der Bahnen war allerdings nicht der Oberpräsident, sondern die Selbstverwaltung von Kreisen und Provinz; er führte die staatliche Aufsicht. Für Gültz war Stettin ohnehin der Mittelpunkt: Der Kreis Demmin gehörte zum Regierungsbezirk Stettin, Bezirksregierung und Oberpräsidium saßen in derselben Stadt – im Stettiner Schloss residierte nun der Gutsherr aus dem eigenen Kreis. Der Nachbarkreis Grimmen dagegen gehörte bis 1932 zum Regierungsbezirk Stralsund.

Zur selben Zeit war sein ältester Sohn Axel von Maltzahn (1868–1931) Landrat des Kreises Grimmen – kommissarisch ab 3. Januar 1900, endgültig ab 24. September 1901. In seine Amtszeit fallen der Hafenbau in Stahlbrode am Strelasund und die Bahn nach Loitz. Loitz hatte sich seit den 1840er-Jahren vergeblich um einen Anschluss bemüht; erst nach der Jahrhundertwende gelang es, mit Geld des Kreises Grimmen, der Provinz, der Stadt und der Loitzer Stärkefabrik eine Stichbahn vom Nordbahn-Bahnhof Toitz-Rustow in den Peenehafen zu bauen. Sie wurde am 8. September 1906 eröffnet. Als Landrat führte Axel den Vorsitz in Kreistag und Kreisausschuss, durch die auch der Kreisanteil an der Bahn ging.

Seine Grimmener Jahre hatten auch eine politische Seite, die damals deutschlandweit Schlagzeilen machte. In den Akten des preußischen Innenministeriums wird seine rasche endgültige Ernennung 1901 ausdrücklich mit der bevorstehenden Reichstagswahl im Wahlkreis Greifswald-Grimmen begründet; der Landrat galt damals als Wahlhelfer der Regierung. 1910/11 kam es vor dem Landgericht Greifswald zum Prozess mit dem liberalen Gutsbesitzer Arthur Becker aus Bartmannshagen, der dem Landrat Benachteiligung der Liberalen und der Arbeiterbewegung vorwarf. Becker wurde wegen Beamtenbeleidigung verurteilt; im Verfahren kamen aber Vorgänge zur Sprache, die Reichstag und Abgeordnetenhaus beschäftigten – etwa Druck auf Gastwirte, in deren Sälen die Liberalen getagt hatten. Axel von Maltzahn schied 1911 – nach Darstellung der Literatur infolge des Prozesses – aus dem Landratsamt und ging 1912 als Regierungsrat an das Oberpräsidium in Magdeburg. Wir erzählen das, weil es zu einem ehrlichen Bild gehört – und weil es zeigt, wie eng Verwaltung und Politik auf dem Land damals verflochten waren.

Was auf den Gütern stand: Pferde, Schafe, Rinder

Wie groß die Landwirtschaft der Familie war, zeigt ein nüchternes Nachschlagewerk: Niekammers Landwirtschaftliches Güter-Adreßbuch der Provinz Pommern von 1928, das für jedes Gut Fläche und Viehbestand verzeichnet. Damals gehörten fünf Güter im Kreis Demmin zur Familie:

Auszug aus dem Güter-Adressbuch Pommern 1928, Kreis Demmin, Seite 11: Einträge Gültz und Hermannshöh mit Besitzer Axel Freiherr von Maltzahn, Flächen und Viehstand
Gültz und Hermannshöh im Güter-Adressbuch von 1928 (Kreis Demmin, S. 11): Besitzer Axel Freiherr von Maltzahn, Geh. Ober-Reg.-Rat, Verwalter in Gültz sein Sohn Helmuth. Niekammer’s Landwirtschaftliches Güter-Adreßbuch Pommern, 8. Aufl., Leipzig 1928 – Digitalisat der Pomorska Biblioteka Cyfrowa (Universitätsbibliothek Danzig).
GutBesitzer 1928FlächePferdeRinderSchafeSchweine
GültzAxel1.099 ha96141953236
Hermannshöh mit MarienhöheAxel849 ha83161844350
Wodarg mit Kessiner WassermühleGerhard929 ha90 (davon 25 Fohlen)22560050
WerderGerhard752 ha80 (davon 26 Fohlen)212450120
SchossowHelmuth d. J.582 ha67136664200
zusammen4.211 ha4168753.511956

Über 400 Pferde und rund 3.500 Schafe – das waren große Bestände, auch im Vergleich mit den Nachbargütern. Die Pferde waren vor allem Arbeitstiere: Gepflügt, geeggt und gefahren wurde 1928 noch überwiegend mit Gespannen. Dass auf Wodarg und Werder zusammen 51 Fohlen standen, zeigt aber, dass Gerhard von Maltzahn dort auch Pferdezucht betrieb. Die Schafherden von Gültz und Hermannshöh mit zusammen fast 1.800 Tieren gehörten zu den größeren der Gegend; Wolle und Hammelfleisch waren auf den leichten Böden Vorpommerns seit Generationen ein wichtiges Standbein. Werder führte das Adressbuch außerdem als Saatgutwirtschaft mit Kartoffelzüchtung – dort entstand die Neuzüchtung „Werdersche Frühe“ –, Schossow als Zuchtbetrieb für schwarzbuntes Tieflandrind im Pommerschen Herdbuch. Die Zahlen sind eine Momentaufnahme von 1928. Wie es 1884, 1892 und 1939 aussah, zeigt der Beitrag Gültz in Zahlen; die Ausgabe von 1914 fehlt uns noch.

Und die Zuckerfabriken?

Rübenzucker war in Vorpommern seit den 1880er-Jahren ein großes Geschäft, und die Bahnen dienten ihm unmittelbar. Die Zuckerfabrik Demmin wurde 1883 als Aktiengesellschaft von Demminer Kaufleuten gegründet und nahm im Oktober 1884 die Arbeit auf; im selben Jahr 1883 entstand die Pommersche Zuckerfabrik in Anklam. Die Zuckerfabrik Jarmen hatte ein eigenes Gleis an der Demminer Ostbahn, die Fabrik in Stavenhagen war die treibende Kraft hinter der Westbahn. Typisch für solche Fabriken waren Aktien, die ihre Inhaber zum Anbau und zur Lieferung von Zuckerrüben verpflichteten – Großgrundbesitzer der Umgebung waren daher oft zugleich Aktionäre.

Ob auch die Gültzer Maltzahns Rübenaktien hielten oder in einem Aufsichtsrat saßen, konnten wir bisher nicht belegen. Das Güter-Adressbuch von 1928 nennt bei ihren Gütern keinen Zuckerrübenvertrag, und in den bisher zugänglichen Firmenangaben taucht der Name nicht auf. Die beste Spur ist das Archiv der Zuckerfabrik Demmin, das inzwischen nach Demmin zurückgekehrt ist und Aktienbücher aus der Zeit bis 1964 enthalten dürfte.

Eine Verbindung zum Zucker gibt es trotzdem, und zwar auf Reichsebene. Als Staatssekretär des Reichsschatzamts setzte Helmuth von Maltzahn Anfang der 1890er-Jahre die Neuordnung der Zuckersteuer durch (Gesetz von 1891). Bis dahin war die Rübe besteuert worden; künftig sollte der im Inland verkaufte Zucker die Steuer tragen. Das brachte ihm bei manchen Landwirten den Ruf ein, ein Feind der Landwirtschaft zu sein, vor allem in der Provinz Sachsen, dem Hauptanbaugebiet. Sein Sohn hielt 1936 dagegen, die Reform habe sich als förderlich erwiesen: „In den Küstenprovinzen entstand eine Zuckerfabrik nach der anderen, und Rübenbau und Kornerträge nahmen zu.“ Der Bauherr von Gültz hat die Zuckerindustrie Vorpommerns also eher als Gesetzgeber geprägt als als Aktionär.

Die Jagd

Mit über tausend Hektar und 154 Hektar eigenem Wald war Gültz ein Eigenjagdbezirk: Nach preußischem Recht durfte jeder Eigentümer einer zusammenhängenden Fläche von 300 Morgen (nach der Jagdordnung von 1907: 75 Hektar) selbst jagen. Die Eigentümer kleinerer Flächen bildeten dagegen einen gemeinschaftlichen Jagdbezirk – den Vorläufer der heutigen Jagdgenossenschaft. Die Gutsherren von Gültz jagten also auf eigenem Grund. Axel von Maltzahn galt als passionierter Jäger, und schon zur Bauzeit des Schlosses entstand im Park das Jagd-Trophäenhaus, das wir heute retten wollen.

Netzwerke: Corps Vandalia und Johanniterorden

Wie solche Wege geebnet wurden, lässt sich an zwei Verbindungen ablesen, die die Familie über Generationen pflegte.

Das Corps Vandalia in Heidelberg, 1842 gegründet, trug Rot und Gold und galt als exklusiver Bund vor allem des mecklenburgischen Adels und des Lübecker und Hamburger Großbürgertums. 1882 bezog es das älteste eigens als Verbindungshaus errichtete Gebäude Deutschlands. Helmuth von Maltzahn wurde dort aktiv und war schon mit 18 Jahren Senior; 1858 kam sein Stiefbruder Wilhelm von Heyden dazu – derselbe, der später Landrat in Demmin, Landesdirektor in Stettin und von 1890 bis 1894 preußischer Landwirtschaftsminister wurde, während Helmuth im Reichsschatzamt saß. Auch Axel (aktiv 1887) und Helmuth der Jüngere wurden Vandalen, später drei Enkel. Bemerkenswert: 1934 weigerte sich das Corps, den „Arierparagraphen“ einzuführen, wurde ausgeschlossen und suspendierte sich 1935; 1950 ging es in der Vandalo-Guestphalia auf.

Der Johanniterorden war das zweite Band. Helmuth von Maltzahn wurde 1875 Ehrenritter, 1883 Rechtsritter, 1894 Kommendator der Pommerschen Genossenschaft und 1916 Kanzler des Ordens – bis zu seinem Tod. Axel wurde 1899 Ehrenritter und 1923 Ehrenkommendator; auch die Schwiegersöhne trugen das Kreuz. Wie persönlich dieses Netz geknüpft wurde, zeigt eine Postkarte aus unserem Archiv. Der Kommendator schrieb sie an einen „Dr. Freiherrn v. Maltzahn“ – den er duzte, also wohl einen Verwandten – in Mühlrädlitz im Kreis Lüben in Schlesien:

„Herzlichen Dank für Deinen Brief. Es freute mich, daß Du Dich der Pommerschen Genossenschaft angeschlossen hast. Auf dem Rittertage sehen wir uns hoffentlich. Deiner Frau empfiehl mich bitte.“
Rückseite einer Postkarte in deutscher Kurrentschrift mit 10-Pfennig-Germania-Marke und Poststempel, adressiert nach Mühlrädlitz, Kreis Lüben, Schlesien
Postkarte von Helmuth von Maltzahn-Gültz an einen Namensvetter in Schlesien, der der Pommerschen Genossenschaft des Johanniterordens beigetreten war – zwischen 1902 (Germania-Marke „Deutsches Reich“) und 1916 (Ende seiner Zeit als Kommendator). Unterschrift am Rand angeschnitten. Archiv Schloss Gültz.

Ein in Schlesien lebender Maltzahn, der sich der pommerschen Genossenschaft anschließt – vielleicht, weil die Familie dort ihre Wurzeln hatte –, und ein „Rittertag“, auf dem man sich wiedersieht: So hielt der Orden die weitverzweigte Familie zusammen. Um 1921/22 trafen sich die Johanniter sogar in Gültz – ein Foto davon zeigen wir im Beitrag Unterwegs und daheim. Der Orden verband Pflicht zur Krankenpflege mit Standesbewusstsein; er brachte Gutsbesitzer, Landräte und hohe Beamte der Provinz regelmäßig an einen Tisch.

Bahn, Hafen, Rüben und Herden – vieles davon wurde nicht im Ministerium entschieden, sondern im Kreistag, im Provinziallandtag, beim Corpsabend und nach dem Ordenskapitel. Die Gültzer Maltzahns waren an all diesen Orten zu Hause.

Was sich nicht belegen lässt

Gelegentlich liest man, die Familie habe die Bahn Neubrandenburg–Demmin „geprägt“ oder gar durchgesetzt. Das stimmt so nicht: Die Initiative ging von Stralsund aus, die Konzession von 1870 lag vor Maltzahns Reichstagszeit, und gebaut hat am Ende der preußische Staat. Belegt sind die Aktienzeichnung, der Bahnhof Gültz und die Chaussee. Ebenfalls offen sind eine persönliche Rolle bei der Gründung der Demminer Kleinbahn 1895 und Beteiligungen an Zuckerfabriken. Wer dazu Unterlagen besitzt – Aktien, Briefe, Protokolle –, dem sind wir für jeden Hinweis dankbar: schlossgueltz@gmx.de.

Mehr dazu: Geschichte von Schloss Gültz · Axel von Maltzahn – Stationen eines Lebens · Die Demminer Ulanen

Quellen: Helmuth Frhr. von Maltzahn (Schossow), „Helmuth Freiherr von Maltzahn-Gültz (1840–1923)“, in: Pommersche Lebensbilder II, Stettin 1936, S. 266–280 (Darßbahn, Zuckersteuer); Wikipedia, „Bahnstrecke Velgast–Prerow“; Helmuth Frhr. von Maltzahn-Gültz, Erinnerungen 1893–1900 mit Rückblicken auf frühere und Ausblicken auf spätere Jahre, Typoskript 1916 (Privatbesitz); unveröffentlichte Familienchronik „Gültz – Aus dem Leben meiner Vorfahren“ (Privatbesitz); Niekammer’s Landwirtschaftliches Güter-Adreßbuch, Bd. I: Provinz Pommern, 8. Aufl., bearb. von Ernst Seyfert und Hans Wehner, Leipzig 1928, S. 11, 14, 16 f. (Digitalisat Pomorska Biblioteka Cyfrowa, pbc.gda.pl, Nr. 42019); Rolf Jehke, Territoriale Veränderungen in Deutschland, Landratslisten der Kreise Demmin und Grimmen (territorial.de, abgerufen 03.10.2026); Wikipedia, Artikel „Berliner Nordbahn“, „Demminer Bahnen“, „Bahnstrecke Toitz-Rustow–Loitz“, „Wilhelm von Heyden-Cadow“, „Axel von Maltzahn (Landrat, 1868)“, „Arthur Becker (Politiker, 1862)“, „Corps Vandalia Heidelberg“, „Zuckerfabrik Anklam“ (abgerufen 03.10.2026); Die Grenzboten 1873 (Lasker und die Nordbahn); Handbuch der deutschen Aktiengesellschaften, 1914 (Abschnitt Zuckerfabriken, Digitalisat UB Mannheim); Lysbeth W. Muncy, „The Prussian Landräte in the Last Years of the Monarchy“, Central European History 6 (1973), S. 299–338, hier Anm. 38; Register der Stenographischen Berichte des Reichstags, Stichwort „Prozeß Becker“; Nordkurier: „Wenn aus Bahngeschichte ein Stück erlebbare Kunst wird“ (Loitz) und „Geschichte der Zuckerfabrik wird aufgearbeitet“ (Demmin); Albert Gieseler, Datenbank Dampfmaschinen, „Zuckerfabrik Aktien-Gesellschaft in Demmin“; eisenbahn-mv.de, „Bahnhof Gültz“; Kulturportal West-Ost, „Maltzahn-Gültz, Helmuth Freiherr von“; Nikolai Scheuring, Liste der Ehrenritter des Johanniterordens 1853–1918 (2021); Walter Bauchspies/Torsten Berg, Die Demminer Kleinbahnen, EK-Verlag 2004 (Literaturhinweis).

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