Westlich des Dorfes, am Grenzgraben nach Seltz, liegt ein Flurstück mit dem wenig einladenden Namen Jammertal. Der Boden ist steinig und wurde nie gern beackert. 1909 kam dort zutage, warum die Steine so dicht lagen: Unter ihnen verbarg sich ein Gräberfeld, das rund dreitausend Jahre alt ist. Die „Monatsblätter“ der Gesellschaft für Pommersche Geschichte und Altertumskunde berichteten darüber ausführlich; die Universitätsbibliothek Greifswald hat den Jahrgang digitalisiert.
Wie das Jammertal Gültz „rettete“
Der Bericht beginnt mit einer Dorfgeschichte, die man sich in der Gegend erzählte: Im Revolutionsjahr 1848 seien im benachbarten Seltz die Demokraten der ganzen Gegend zusammengekommen und hätten beschlossen, die umliegenden Adelsgüter aufzuteilen. Auch Gültz sei schon verteilt gewesen – bis auf das Jammertal, das niemand haben wollte. Darüber sei Streit entstanden, die Versammlung habe in einer handfesten Keilerei geendet, und aus der Teilung sei nichts geworden. „So wurde den Herren v. Maltzahn durch das Jammertal der Besitz von Gültz gerettet.“
Sommer 1909: Steinsprenger finden Urnen
Steine waren damals ein begehrter Baustoff. Als im Jammertal Findlinge gesprengt und ausgebrochen wurden, stießen die Arbeiter auf Urnenscherben. Der Gutsherr – Helmuth Freiherr von Maltzahn, damals Oberpräsident der Provinz Pommern – erfuhr davon erst, als die Arbeiten fast beendet waren. Mitte Juli 1909 führte er den Stettiner Altertumsforscher A. Stubenrauch selbst über das Gelände, der für das Provinzialmuseum die Funde sicherte.

Die meisten Steinsetzungen waren schon zerstört, doch das Gefundene war bemerkenswert: eine große bronzezeitliche Urne mit zylindrischem Hals, rund 33 Zentimeter im Durchmesser – der Lehrer im nahen Seltz hatte die Scherben aufbewahrt, im Stettiner Museum wurde sie wieder zusammengesetzt. Als Beigaben lagen darin eine Bronzenadel mit doppelkonischem Kopf, Bruchstücke eines Armrings und Bronzedrähte. Bei der Nachgrabung fand Stubenrauch fünf wendische Brandgräber und eine unberührte bronzezeitliche Grabanlage: ein Steinkreis von vier Metern Durchmesser aus schweren Findlingen, innen gepflastert, in der Mitte die Urnenstelle. Sein Fazit: An derselben Stelle, an der in der Bronzezeit Urnen beigesetzt wurden, haben rund tausend Jahre später auch Slawen ihre Toten verbrannt und begraben. Nach Aussage der Arbeiter dürfte das Gräberfeld, das sich gut 500 Meter am Wiesenrand entlangzog, hundert und mehr Urnen enthalten haben.
Ein Oberpräsident als Heimatforscher
Maltzahn ließ nach der Abreise des Forschers weitergraben, fand noch ein unberührtes Bronzegrab und schickte alle Funde dem Stettiner Museum. In einem Brief, den die Monatsblätter abdruckten, korrigierte er zugleich die Karte: Der Graben östlich des Gräberfeldes sei nicht die „Goldbeck“, sondern münde erst am Südostende seiner Feldmark in sie – und das sei ihm wichtig, weil der Name Goldbeck „gerade auf dieser Stelle die älteste deutsche Ortsbezeichnung“ der Gegend sei, schon in einer mittelalterlichen Urkunde als Grenze des Klosterguts von Treptow genannt. Einen Fehler der Generalstabskarte, so schrieb er, versuche er seit dreißig Jahren vergeblich berichtigen zu lassen.
Im Schloss selbst bewahrte der Hausherr damals eine kleine Sammlung vorgeschichtlicher Funde von der Gültzer Feldmark: Feuerstein- und Granitbeile, darunter ein seltenes durchlochtes Granitbeil, Spinnwirtel, Speerspitzen aus Knochen und einen bronzenen Celt aus dem Moor. Was davon nach 1945 erhalten blieb, ist nicht bekannt. Die nach Stettin gegebenen Funde kamen in das damalige Museum der Provinz; dessen Sammlungen wurden nach 1945 auseinandergerissen. Ob die Gültzer Stücke erhalten sind, wollen wir noch klären.
Die Geschichtsforschung lag der Familie: Im selben Jahr eröffnete Maltzahn als Oberpräsident die Generalversammlung der Gesellschaft für Pommersche Geschichte, 1911 gründete er die Historische Kommission für Pommern. Im Gutsarchiv Gültz lagen, wie die Familiengeschichte von Berthold Schmidt vermerkt, sogar Teile des handschriftlichen Nachlasses von Friedrich Lisch, dem großen Schweriner Archivar und Herausgeber der Urkunden des Geschlechts Maltzan. Das Gutsarchiv ging 1945 verloren.
Wissen Sie mehr über die Funde aus dem Jammertal oder die vorgeschichtliche Sammlung im Schloss? Wir freuen uns über jeden Hinweis: schlossgueltz@gmx.de
Quellen: A. Stubenrauch, „Ein bronzezeitliches Gräberfeld mit wendischen Gräbern und Einzelfunde in Gültz, Kreis Demmin“, in: Monatsblätter der Gesellschaft für Pommersche Geschichte und Altertumskunde 23 (1909), S. 150–156, Nachtrag S. 180 f.; ebd., Bericht über die Generalversammlung vom 22. Mai 1909 – Digitalisat: Universitätsbibliothek Greifswald / Digitale Bibliothek Mecklenburg-Vorpommern (PPN883720280_1909), Public Domain Mark 1.0; Berthold Schmidt, Geschichte des Geschlechts von Maltzan und von Maltzahn, I. Abt. Bd. 1 (1900) und II. Abt. Bd. 1–2 (1907–1915), Hinweise auf Lischs Nachlass im Archiv Gültz (Digitalisate ebd.).