Schloss Gültz
Wappen von Maltzahn-Gültz
Schloss Gültz
Historisches Herrenhaus · Anno MDCCCLXXII
Sprache · Language · Język
2. Oktober 20268 Min. Lesezeit

Die Demminer Ulanen und Schloss Gültz – der erste Gast im neuen Haus

Die ersten Menschen, die im neuen Herrenhaus von Gültz übernachteten, waren nicht die Bauherren. Es waren Kavallerieoffiziere aus Demmin – und unter ihnen ein Thronfolger. So hat es Helmuth Freiherr von Maltzahn (1840–1923), der das Haus von 1868 bis 1872 errichten ließ, in seinen 1916 diktierten, nie gedruckten Erinnerungen festgehalten. Wir erzählen, was sich über diese Begegnung belegen lässt, wer die „Weißen Ulanen“ aus Demmin waren und welchen Preis ein junger Freiherr von Maltzahn für dieses Regiment gezahlt hat.

Sommer 1872: Ulanen im unbezogenen Schloss

Im Sommer 1872 war der Neubau fertig. Vor dem Umzug gab die Familie den Handwerkern im ausgeräumten Saal des alten Fachwerkhauses ein Fest; die Handwerker der Gegend kamen mit ihren Fahnen. Dann wurde während eines Manövers eine Schwadron der Demminer Ulanen in Gültz einquartiert – die Mannschaften und Pferde im Dorf, die Offiziere im fertigen, aber noch leeren Neubau. Mit der Schwadron kam der Erbgroßherzog von Mecklenburg-Strelitz. Er schlief in Gültz, bevor die Familie selbst einzog.

„… daß er der erste Gast in meinem Hause gewesen wäre.“

Daran, so Maltzahn, erinnerte ihn der spätere Großherzog fast bei jeder Begegnung. Das Zimmer, in dem der Gast logiert hatte, hieß in der Familie fortan das „Prinzenzimmer“ – der Name steht noch in den Grundrissen der unveröffentlichten Familienchronik.

Wer war der Gast?

Erbgroßherzog von Mecklenburg-Strelitz war 1872 Adolf Friedrich (1848–1914), der Sohn des regierenden Großherzogs Friedrich Wilhelm. Er war damals 24 Jahre alt und hatte am Krieg 1870/71 teilgenommen. Erst 1904 trat er als Großherzog Adolf Friedrich V. die Regierung in Neustrelitz an – in jenen Jahren war Helmuth von Maltzahn Oberpräsident der Provinz Pommern in Stettin (1900–1911). Die beiden Männer begegneten sich also über Jahrzehnte, und der Großherzog vergaß die Nacht in Gültz nicht.

Dass ausgerechnet der Strelitzer Thronfolger mit einer Demminer Schwadron ritt, ist kein Zufall: Chef des 2. Pommerschen Ulanen-Regiments Nr. 9 war vom 17. März 1863 bis zu seinem Tod am 30. Mai 1904 sein Vater, Großherzog Friedrich Wilhelm von Mecklenburg-Strelitz. Am 2. Juni 1904 übernahm Adolf Friedrich V. selbst diese Ehrenstellung und behielt sie bis zu seinem Tod 1914. Die Demminer Ulanen waren damit über ein halbes Jahrhundert das „Strelitzer“ Regiment Vorpommerns. In welcher Funktion der Erbgroßherzog 1872 dabei war, verrät die Regimentsgeschichte: Eine Ordre vom 31. Dezember 1871 ernannte ihn zum Rittmeister à la suite des Regiments. Ein Dreivierteljahr lang tat er Dienst in der 5. Eskadron und widmete sich, so die Chronik, „mit Vergnügen jedem Dienstzweige“; am 6. Oktober 1872 wurde er in gleicher Eigenschaft zum 2. Garde-Ulanen-Regiment versetzt. Der Sommer 1872 in Gültz fiel also genau in seine Demminer Zeit. Für dieses Jahr erwähnt die Regimentsgeschichte ein Brigadeexerzieren bei Pasewalk und ein Manöver zwischen Stettin und Tantow – die Einquartierung in Gültz selbst kennen wir nur aus Maltzahns Erinnerungen.

Die „Weißen Ulanen“ aus Demmin

Das 2. Pommersche Ulanen-Regiment Nr. 9 wurde am 7. Mai 1860 aus abgegebenen Schwadronen anderer Kavallerieregimenter gebildet und erhielt am 4. Juli 1860 seinen Namen. Zunächst lag es in Anklam, Ueckermünde und Treptow an der Tollense, ab 1862 geschlossen in Demmin, wo Ost- und Westkaserne entstanden. Wegen ihrer weißen Abzeichenfarbe – weiße Kragen, Aufschläge und Rabatten auf der dunkelblauen Ulanka, dazu bei Paraden ein weißer Rosshaarbusch auf der Tschapka – hießen sie im Volksmund die „Weißen Ulanen“. Ulanen waren Lanzenreiter, die leichte Kavallerie für Aufklärung und Sicherung.

Das Regiment zog 1866 nach Böhmen und 1870/71 nach Frankreich (Gravelotte–St. Privat, Belagerung von Metz). Während seine Reiter dort im Feld standen, ruhte in Gültz der Bau: Das Haus stand unter Dach, die Fenster waren zugemauert, bis nach dem Frieden weitergebaut werden konnte.

Historisches Foto: Kaiser Wilhelm II. zu Pferd mit Offizieren vor dem geschmückten Offizierkasino in Demmin, davor dichtgedrängte Zuschauer und vorbeireitende Ulanen mit Trompeten
Demmin, 30. August 1895: Kaiser Wilhelm II. nimmt vor dem Offizierkasino die Parade des Ulanen-Regiments Nr. 9 ab. Neben dem Kaiser Oberst von Wrochem; Polizeikommissar Kramer schafft Platz für die nächste Schwadron, Stabstrompeter war C. Bührig. Foto: W. Baade Nachf. Bild: Demminer Heimatverein e. V., Digitales Museum „Demminer Heimatgeschichte“.

Die Garnison prägte die Kleinstadt an der Peene: Kasernen, Offizierkasino, Reitbahnen, Paraden. Höhepunkt war der Besuch des Kaisers am 30. August 1895, als Wilhelm II. vor dem festlich geschmückten Kasino die Schwadronen an sich vorbeireiten ließ – die Demminer standen dicht gedrängt am Straßenrand.

Historische Atelieraufnahme: rund zwanzig Männer in dunklen Ulanen-Uniformen mit weißem Bandelier, Säbeln und Orden, sitzend und stehend vor gemalter Salonkulisse, einer in Zivil
Angehörige des 2. Pommerschen Ulanen-Regiments Nr. 9 im Fotoatelier – mit Säbel, weißem Bandelier und Orden vor gemalter Salonkulisse. Undatiert; Näheres zu Anlass und Personen ist auch dem Heimatverein nicht bekannt. Bild: Demminer Heimatverein e. V., Digitales Museum „Demminer Heimatgeschichte“.
Gerahmtes Reservistenbild mit Collage: Demminer Ulanen zu Pferd mit Lanzen, Kaserne und Denkmäler, in der Mitte Gruppen von Soldaten mit Bierkrügen und Säbeln, oben ein Porträt Wilhelms II., unten Namensliste
„Zur Erinnerung an meine Dienstzeit“: Reservistenbild der 1. Eskadron des 2. Pommerschen Ulanen-Regiments Nr. 9, Demmin 1909–1912, Atelier H. Brinkmann, Demmin. Die Namensleiste nennt unter anderen Oberstleutnant v. Glasenapp, Rittmeister Frhr. v. Bellersheim, die Oberleutnants v. Kardorff und v. Senden sowie die Leutnants Frhr. v. d. Lancken-Wakenitz, Frhr. v. Langermann, v. Borke, v. Ramin und v. Eisenhart-Rothe. Sprüche wie „Lebt wohl Kameraden, Kaserne auch du – Parole ist Heimat, Reserve hat Ruh!“ gehörten zu jedem dieser Bilder. Bild: Demminer Heimatverein e. V., Digitales Museum „Demminer Heimatgeschichte“.

Solche Reservistenbilder hingen nach der Entlassung in vielen Bauern- und Bürgerstuben Vorpommerns. Wer drei Jahre bei der Kavallerie gedient hatte, nahm dieses Erinnerungsblatt mit nach Hause – vermutlich auch mancher junge Mann aus den Gutsdörfern um Gültz.

Und der Bauherr selbst? Ein Kürassier aus Pasewalk

Helmuth von Maltzahn war kein Ulan, aber er kannte den Dienst im Sattel aus eigener Erfahrung. Im Mai 1866 wurde er als Landwehroffizier zu den Pasewalker Kürassieren eingezogen und erlebte mit ihnen den Krieg von 1866 – beim Kürassier-Regiment „Königin“ (Pommersches) Nr. 2. Das traditionsreiche Regiment lag von 1721 bis 1919, mit kurzen Unterbrechungen, in Pasewalk; den Namen „Regiment der Königin“ trug es seit 1810 zum Andenken an Königin Luise, die seit 1806 seine Chefin gewesen war. 1866 zogen die Kürassiere nach Böhmen und nahmen unter anderem an der Schlacht bei Königgrätz und am Gefecht bei Preßburg teil. Im Frieden bildeten die Pasewalker Kürassiere und die Demminer Ulanen zusammen die 3. Kavallerie-Brigade in Stettin.

Auch 1870/71 zog Maltzahn mit seinem Regiment ins Feld, nun als Reserveoffizier. Am 28. November 1870 wurde er bei Beaune-la-Rolande schwer verwundet und behielt eine Versteifung des Arms, die ihn sein Leben lang begleitete. Während er im Feld stand, ruhte in Gültz der Bau. Als im Sommer 1872 die Demminer Ulanen in sein neues Haus einzogen, empfing also ein Kriegsteilnehmer ihre Offiziere. Mehr dazu: Die Pasewalker Kürassiere und die Freiherren von Maltzahn-Gültz.

Ein Maltzahn unter den Gefallenen von 1870

Ölgemälde: Brustbild eines jungen Offiziers mit Schnurrbart in dunkelblauer Ulanka mit weißem Stehkragen und goldenen Knöpfen
Anton Albrecht Friedrich Wilhelm Freiherr von Maltzahn, Sekondeleutnant im 2. Pommerschen Ulanen-Regiment Nr. 9, gefallen am 20. Dezember 1870 bei Château de Meslay. Ölgemälde, Maler unbekannt. Bild: Demminer Heimatverein e. V., Digitales Museum „Demminer Heimatgeschichte“.

Am 20. Dezember 1870 ritten die Demminer Ulanen bei Monnaie nördlich von Tours eine Attacke, die zu den verlustreichsten Tagen der Regimentsgeschichte gehört. Am Château de Meslay fielen an diesem Tag unter anderen Premierleutnant Carl Friedrich Gustav von Kahlden, Sekondeleutnant Detwig von Oertzen, Vizewachtmeister Magnus Joachim von Bilow, Hartwig von Voss – und Sekondeleutnant Anton Albrecht Friedrich Wilhelm Freiherr von Maltzahn. Das Regiment ließ ihre Bildnisse malen; sechs dieser Gemälde gefallener Offiziere von 1870 werden heute in Demmin bewahrt.

Das Porträt zeigt die Friedensuniform des Regiments mit dem weißen Kragen, der den „Weißen Ulanen“ ihren Namen gab. Nach Auskunft des Demminer Heimatvereins wurde der Leutnant am 28. Oktober 1844 in Kummerow geboren, als Sohn von Rudolph von Maltzahn und Carolina von Kracker; er gehörte damit der Linie Kummerow/Rottmannshagen an und fiel mit 26 Jahren. Eine direkte Verbindung zu Gültz ist dem Verein nicht bekannt. Ein Rudolph Maltzahn taucht allerdings auch in unserer Hausgeschichte auf: Auf Anregung eines Vetters dieses Namens erhielt der Bauherr 1873 zwei im Krieg erbeutete französische Geschütze für die Auffahrt. Ob das derselbe Rudolph war, der Vater des Gefallenen, ist nicht gesichert – aber denkbar. Wir forschen weiter.

Was vom Regiment blieb

Nach dem Ersten Weltkrieg kehrte das Regiment am 19. November 1918 nach Demmin zurück und wurde demobilisiert; die Tradition übernahm in der Reichswehr die 6. Eskadron des 6. Reiter-Regiments in Demmin. Die Veteranen errichteten am Westrand der Sandbergtannen nahe dem Demminer Bahnhof das Ulanendenkmal mit dem Reiterstandbild eines Ulanen von Fritz Richter-Elsner, eingeweiht am 3. August 1924. 1946 wurde es auf Anweisung der sowjetischen Besatzungsmacht zerstört und vergraben; nach 1990 wurden Bruchstücke geborgen und wieder aufgestellt. Wer heute auf den Spuren der Ulanen unterwegs ist, kann von Gültz aus das Denkmal und das Digitale Museum des Demminer Heimatvereins verbinden.

Was sich nicht belegen lässt

Im Internet – auch in automatisch erzeugten Texten – kursieren ausgeschmückte Fassungen dieser Geschichte. Danach seien in Gültz alljährlich Kaisermanöver mit Einquartierungen abgehalten worden und der Erbgroßherzog sei Ehrengast „des Oberpräsidenten“ gewesen. Beides ist nicht belegt: 1872 war Helmuth von Maltzahn 31 Jahre alt und seit 1871 Reichstagsabgeordneter; Oberpräsident wurde er erst 1900. Überliefert ist eine einzige, dafür umso schönere Einquartierung – im Sommer 1872, im noch unbezogenen Haus.

Mehr dazu: Geschichte von Schloss Gültz · Stationen der Familie von Maltzahn-Gültz

Unser herzlicher Dank gilt dem Demminer Heimatverein e. V., der uns die Abbildungen aus seinem Digitalen Museum für diesen Beitrag freigegeben und unsere Fragen aus der Regimentsgeschichte beantwortet hat. Ein Besuch des Digitalen Museums lohnt sich: demminer-heimatgeschichte.de.

Besitzen Sie Fotos, Briefe oder Regimentsakten der Demminer Ulanen mit Bezug zu Gültz oder zur Familie von Maltzahn? Wir freuen uns über jeden Hinweis: schlossgueltz@gmx.de

Quellen: Helmuth Frhr. von Maltzahn-Gültz, Erinnerungen 1893–1900 mit Rückblicken auf frühere und Ausblicken auf spätere Jahre, Typoskript 1916 (Privatbesitz); unveröffentlichte Familienchronik „Gültz – Aus dem Leben meiner Vorfahren“, S. 95–101 (Grundrisse, „Prinzenzimmer“); Wikipedia, Artikel „2. Pommersches Ulanen-Regiment Nr. 9“, „Ulanendenkmal (Demmin)“ und „Adolf Friedrich V. (Mecklenburg)“ (abgerufen 02.10.2026); Demminer Heimatverein e. V., Digitales Museum, „2. Pommersches Ulanen-Regiment Nr. 9“ (Gemälde der Gefallenen 1870/71); Oskar Dreher, Geschichte des 2. Pommerschen Ulanen-Regiments Nr. 9, 1860–1885, 1885; Friedrich Birkholz, „Maltzahn-Gültz, Helmuth Freiherr von“, Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen (Ostdeutsche Biographie); Helmuth Frhr. von Maltzahn, „Helmuth Freiherr von Maltzahn-Gültz“, in: Pommersche Lebensbilder II, Stettin 1936, S. 266–280; Wikipedia, Artikel „Kürassier-Regiment ‚Königin‘ (Pommersches) Nr. 2“ und „Helmuth von Maltzahn (Oberpräsident)“; Karsten Behrens, Ulanen in Demmin, 2014.

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