1898 erschien in Stettin das erste Heft eines großen Vorhabens: Die Bau- und Kunstdenkmäler des Regierungsbezirks Stettin, herausgegeben von Provinzialkonservator Hugo Lemcke im Auftrag der Gesellschaft für Pommersche Geschichte und Altertumskunde. Heft I behandelt den Kreis Demmin, Ort für Ort. Die Kirche von Gültz kommt darin gut weg. In der Einleitung, die den ganzen Kreis überblickt und mit Lob eher sparsam ist („die Ausstattung aber in den meisten Fällen fast eine ärmliche“), steht der Satz: „Sehr werthvoll sind die Kanzel in Gültz und die früheren Altarschranken daselbst.“
Bemerkenswert ist auch, wer an dem Band mitgearbeitet hat. Zweimal vermerkt Lemcke: „Mittheilung Sr. Exc. des Herrn Freiherrn von Maltzan-Gültz“. Der Bauherr unseres Schlosses, als ehemaliger Staatssekretär mit „Excellenz“ angeredet, lieferte dem Konservator Hinweise und Korrekturen.
Der Bau
„GÜLTZ, an der Eisenbahn Berlin–Stralsund. Pfarrkirche. Patron Gutsherrschaft Gültz.“ So beginnt der Eintrag. Lemcke beschreibt einen „Quaderbau aus dem Ende des 13. Jahrh., der im 18. Jahrh. nach Westen verlängert – mit Ziegeln von 7 . 14 . 30 cm in modernem Verbande –, 1879 mit Westthurm und fünfseitiger Apsis in Ziegelrohbau versehen ist“. Vom ursprünglichen Bau sei auf der Südseite noch ein frühgotisches Portal erhalten, „das mit einfachen Pfeilerecken aus sauber behauenem Granit hergestellt ist“.
Die Kanzel

Lemcke hebt die Kanzel im Druck eigens hervor und bildet sie als ganzseitigen Lichtdruck ab:
„Kanzel, in anmuthigen Formen der deutschen Spätrenaissance, wie sie sonst namentlich bei Intarsien vorkommen, aus Eichenholz reich geschnitzt, 1879 durch Baurath Daniels in Neustrelitz vortrefflich hergestellt und mit neuer Treppe und Fuss versehen.“
Mit „Baurath Daniels in Neustrelitz“ ist Georg Daniel gemeint, der Architekt unseres Schlosses: Von 1874 bis 1880 leitete er die Bauverwaltung in Mecklenburg-Strelitz und saß in Neustrelitz. Damit bestätigt eine zeitgenössische, von der Familie unabhängige Quelle, dass Daniel 1879 auch den Umbau der Gültzer Kirche besorgte.
Ebenso hervorgehoben sind die Altarschranken „durchaus in gleichen Stilformen wie die Kanzel“, damals als Wandverkleidung in der Apsis verwendet. Die einst bunt bemalten Füllungen waren 1898 wie die Kanzel dunkel gebeizt. Auf dem Kirchenboden fand Lemcke außerdem ein Stück des alten Gestühls mit der Inschrift „1667. A. P. F. BORMANS“ und einen Balken des alten Turms mit der Jahreszahl 1678.
Die bemalten Scheiben
Im Oberlicht des Turmportals saßen ältere farbige Glasscheiben: die eherne Schlange, die Einsetzung des Abendmahls, das Lamm Gottes, die Fußwaschung und ein Ehepaar in vornehmer Tracht des 17. Jahrhunderts, die Dame kredenzt dem Herrn ein hohes Glas. Die Inschrift hatte Lemcke zunächst falsch gelesen und falsch zugeordnet. Im Nachtrag korrigiert er nach einer Mitteilung des Freiherrn: Sie stehe auf zwei anderen Scheiben und laute „ELISABET KÖNEN ERN DANIEL LÜTKEMANS“.
Die Glocke von 1409
Ausführlich beschreibt Lemcke die Glocke, 94 Zentimeter im Durchmesser, mit einer Inschrift „in schönen und klaren, 5½ cm langen gothischen Minuskeln von 1409“. In der ersten Zeile der Gruß „o rex glorie criste veni cum pace“ und der Beginn des Ave Maria, dazu drei kleine Heiligenfiguren; in der zweiten die Jahreszahl und der Name des Gießers: „anno dni m cccc ix iohannes karl fudit nos“ – im Jahr des Herrn 1409 hat Johannes Karl uns gegossen; in der dritten „orate pro eo“, betet für ihn. Lemcke lobt auch das Trennungskreuz aus vier Kleeblättern: „Schrift und Verzierungen in gleicher Weise sorgfältig und schön.“ Ob diese Glocke die Ablieferungen der beiden Weltkriege überstanden hat, wissen wir nicht. Nach dem Ersten Weltkrieg stiftete Axel von Maltzahn neue Glocken, 1943 wurden zwei Bronzeglocken aus dem Turm geholt.
Die Grabplatte des Erbmarschalls Achim Moltzan

Im Abschnitt über Demmin beschreibt Lemcke eine Grabplatte „für Achim Moltzan † 1565, mit dem Bildniss des Verstorbenen in Lebensgrösse, aus Schwedenstein“: der Ritter „baarhaupt mit Vollbart, in voller Rüstung und mit der Ehrenkette geschmückt“, die Rechte am Dolch, die Linke am Schwert, der Helm zu seinen Füßen, zwischen den Füßen „SEINS ALTERS 84. IAR“, in den Ecken die Wappen der Maltzan, Bredow und Bülow. Die Umschrift nennt ihn „des landes stettin Erbmarschalck auf der osten erbgesessen“, gestorben am 11. Dezember 1565 zwischen fünf und sechs Uhr abends.
Im Nachtrag am Ende des Heftes steht dann: „Die Grabplatte des Achim Moltzan befindet sich jetzt in Gültz.“ Nach unserer Zeittafel wurde der Grabstein beim Kirchenumbau 1879 in die Nordwand der Gültzer Kirche eingelassen; nach anderen Angaben gehört die Platte zur Grabstätte der Familie in Gültz. Dass Lemcke sie im Hauptteil noch in Demmin beschreibt, muss kein Widerspruch sein: Nach seinem Vorwort wurde das Inventar „schon vor mehr als zwei Jahrzehnten in Angriff genommen“, die Grundlagen legte ab 1880 der Bauführer Hans Lutsch, zum Teil nach Berichten von Pfarrern und Baubeamten. Die Beschreibung von Demmin kann also einen älteren Stand wiedergeben. Sicher ist nach Lemcke nur: 1898 war die Platte in Gültz.
Die Tochterkirchen
Lemcke bestätigt auch, wie weit das Patronat der Gutsherrschaft reichte. Prützen und Seltz waren Tochterkirchen von Gültz, Wodarg eine Tochterkirche von Werder – alle mit dem Vermerk „Patron Gutsherrschaft Gültz“.
- Prützen, 3 km östlich: Backsteinbau mit kleinem Fachwerkturm, „in der Wetterfahne … die Jahreszahl 1754“ – wie bei Berthold Schmidt (andere Angaben nennen 1758).
- Seltz, 2 km östlich: spätmittelalterlicher Findlingsbau, „1893 neu ausgebaut“, mit zwei Zinnleuchtern um 1600 und einer achteckigen Zinnflasche von 1723.
- Wodarg: Neubau vom Ende des 19. Jahrhunderts, mit den Oberteilen zweier Granittaufsteine und Sargbeschlägen mit den Wappen Walsleben und Meyenn.
Eine weitere Mitteilung des Freiherrn betrifft das Nachbardorf Völschow: Ein älterer Altarschrein „in Renaissanceformen“ mit Malereien und „von bedeutendem Werth“, der aus der Kirche von Völschow stammen soll, stand 1898 im Gutshaus Wietzow.
Was offen ist
- Sind Kanzel und Altarschranken heute noch in der Kirche, und in welchem Zustand?
- Wo genau befindet sich die Grabplatte heute – in der Kirchenwand oder an der Grabstätte – und wie ist ihr Zustand?
- Was wurde aus der Glocke von 1409 und aus den bemalten Scheiben?
Hinweise nehmen wir gern entgegen: schlossgueltz@gmx.de
Quelle: Hugo Lemcke (Hg.), Die Bau- und Kunstdenkmäler des Regierungsbezirks Stettin, Heft I: Der Kreis Demmin, Stettin: Léon Saunier 1898 (zugleich Die Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Pommern, Zweiter Theil, Band I), S. 3, 14 mit Fig. 12, 23–25 mit Fig. 17, 40 (Prützen), 45 (Seltz), 74 (Völschow), 78 (Wodarg) und 85 (Nachtrag). Exemplar der Bayerischen Staatsbibliothek, Digitalisat Google Books, gemeinfrei. Zitate wörtlich, Lesung von Schloss Gültz am Scan geprüft. Zum Kirchenumbau 1879 und zu den Glocken siehe auch die Zeittafel und den Beitrag über die Glocken von Utzedel.